Programm

 

Da wir im Moment keine eigenen Veranstaltungen ankündigen können, wollen wir das Internet nutzen und ein paar Gedichte auf die Seite setzen als kleinen Beitrag zur Kultur. 

Überlass es der Zeit
Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,

Bäume nicht auf, versuch’s nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlass es der Zeit.

Am ersten Tage wirst du feige dich schelten,
Am zweiten lässt du dein Schweigen schon gelten,

Am dritten hast du’s überwunden,
Alles ist wichtig nur auf Stunden,

Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.
Theodor Fontane

 

Sehnsucht nach dem Frühlinge

Komm, lieber Mai, und mache
die Bäume wieder grün,
und lass mir an dem Bache
die kleinen Veilchen blüh’n!
Wie möcht’ ich doch so gerne
ein Veilchen wieder seh’n!
Ach, lieber Mai, wie gerne
einmal spazieren geh’n!

Zwar Wintertage haben
wohl auch der Freuden viel;
man kann im Schnee eins traben
und treibt manch’ Abendspiel;
baut Häuserchen von Karten,
spielt Blindekuh und Pfand,
auch gibt’s wohl Schlittenfahrten
aufs liebe freie Land.

Doch wenn die Vögel singen,
und wir dann froh und flink
auf grünem Rasen springen,
das ist ein ander Ding!
Jetzt muss mein Steckenpferdchen
dort in dem Winkel stehen,
denn draußen in dem Gärtchen
kann man vor Kot nicht geh’n.

Am meisten aber dauert
mich Lottchens Herzeleid.
Das arme Mädchen lauert
recht auf die Blumenzeit.
Umsonst hol’ ich ihr Spielchen
zum Zeitvertreib herbei:
Sie sitzt in ihrem Stühlchen
wie’s Hühnchen auf dem Ei.

Ach, wenn’s doch erst gelinder
und grüner draußen wär’!
Komm, lieber Mai, wir Kinder,
wir bitten gar zu sehr!
O komm und bring’ vor allem
uns viele Veilchen mit!
Bring’ auch viel Nachtigallen
und schöne Kuckucks mit!

Christian Adolph Overbeck

 

 

Dû bist mîn, ich bin dîn.des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzelîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.


Neuhochdeutsche Übersetzung (nach Thomas Bein)

Du bist mein, ich bin dein.
Dessen sollst du gewiss sein.
Du bist eingeschlossen
in meinem Herzen,
verloren ist das Schlüsselchen:
Du musst auch für immer darin bleiben.

Dû bist mîn, ich bin dîn ist der erste von sechs zusammenhängenden Versen, die sich in der Tegernseer Briefsammlung (Codex latinus Monacencis 19411) fol. 114v am Ende eines Liebesbriefes finden. Sie wurden gegen Ende des 12. Jahrhunderts von einem anonymen Schriftsteller verfasst. Der Text gehört zu den bekanntesten Beispielen der deutschen Literatur des Mittelalters und gilt als ältestes mittelhochdeutsches Liebeslied. Es gilt gemeinhin als Gedicht, diese Auffassung ist in der Germanistik allerdings umstritten.

 

Langschläfers Morgenlied
Der Wecker surrt. Das alberne Geknatter
Reißt mir das schönste Stück des Traums entzwei.
Ein fleißig Radio übt schon sein Geschnatter.
Pitt äußert, daß es Zeit zum Aufstehn sei.

Mir ist vor Frühaufstehern immer bange.
… Das können keine wackern Männer sein:
Ein guter Mensch schläft meistens gern und lange.
– Ich bild mir diesbezüglich etwas ein …

Das mit der goldgeschmückten Morgenstunde
Hat sicher nur das Lesebuch erdacht.
Ich ruhe sanft. – Aus einem kühlen Grunde:
Ich hab mir niemals was aus Gold gemacht.

Der Wecker surrt. Pitt malt in düstern Sätzen
Der Faulheit Wirkung auf den Lebenslauf.
Durchs Fenster hört man schon die Autos hetzen.
– Ein warmes Bett ist nicht zu unterschätzen.
… Und dennoch steht man alle Morgen auf.

(aus: Das lyrische Stenogrammheft
von Mascha Kaleko)

2 Haikus

Wenn der Blütenschimmer
der Kirschbäume auf den Hügeln
länger währte
als ein paar Tage,
wir würden ihn so innig nicht lieben.
(YAMABE AKAHITO)

Der Kirschbaum, den im Herbst der Blitz zerriß –
jetzt ist er über und über
von Blüten verschleiert.
(ENOMOTO KIKAKU)